Von kaum einer anderen Tätigkeit wird so viel Fleiß erwartet wie vom Investieren — ständig Kurse checken, Nachrichten verfolgen, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt suchen. Die unbequeme Wahrheit der Forschung: Genau dieser Fleiß ist es, der die Rendite frisst. Wer an der Börse etwas erreichen will, ist mit einer Portion Faulheit oft besser bedient als mit Fleiß.

Die teuerste Eigenschaft an der Börse: Aktivität

Die bis heute meistzitierte Untersuchung dazu stammt von den Wirtschaftswissenschaftlern Brad Barber und Terrance Odean aus dem Jahr 2000. Sie werteten 66.465 Depots bei einem US-Broker über sechs Jahre aus und teilten die Anleger nach Handelshäufigkeit in fünf Gruppen ein. Das Ergebnis, mit dem passenden Titel "Trading is Hazardous to Your Wealth" veröffentlicht: Das aktivste Fünftel der Anleger erzielte eine Nettorendite von 11,4 Prozent pro Jahr — während der Markt im selben Zeitraum 17,9 Prozent brachte. Das ruhigste Fünftel kam auf 18,5 Prozent, sogar leicht über dem Marktdurchschnitt. Zwischen den fleißigsten und den faulsten Anlegern lag ein Renditeunterschied von rund 7 Prozentpunkten pro Jahr — nicht durch schlechtere Aktienauswahl, sondern fast ausschließlich durch Transaktionskosten und schlecht getimte Käufe und Verkäufe.

Sogar Warren Buffett nennt es beim Namen

Warren Buffett hat für diese Haltung eine der ehrlichsten Formulierungen der gesamten Investmentliteratur gefunden. In seinem Aktionärsbrief von 1990 schrieb er wörtlich: "Lethargy bordering on sloth remains the cornerstone of our investment style" — Trägheit, die an Faulheit grenzt, bleibt der Grundpfeiler unseres Investmentstils. In jenem Jahr hatte Berkshire Hathaway bei fünf seiner sechs größten Positionen keine einzige Aktie gekauft oder verkauft. An anderer Stelle wird er noch direkter: "Untätigkeit erscheint uns als intelligentes Verhalten." Das kommt nicht von jemandem, der zu wenig über Finanzmärkte weiß — sondern von einem der erfolgreichsten Investoren der Geschichte.

Der Mythos, der zu gut ist, um wahr zu sein

In diesem Zusammenhang kursiert seit Jahren eine besonders hartnäckige Geschichte: angeblich habe der Fondsanbieter Fidelity herausgefunden, dass die erfolgreichsten Depots zwischen 2003 und 2013 entweder verstorbenen Kontoinhabern gehörten oder Menschen, die schlicht vergessen hatten, dass sie ein Depot besaßen. Die Pointe ist zu schön, um sie nicht weiterzuerzählen — nur leider lässt sich diese Studie bei genauerem Nachforschen nirgends auffinden. Mehrere Faktencheck-Recherchen kommen zu dem Schluss, dass es sich um eine Anekdote handelt, die sich über Podcasts und Zeitungsartikel verselbstständigt hat, ohne dass jemand die zugrunde liegenden Daten je vorgelegt hätte.

Interessant ist trotzdem, warum sich die Geschichte so hartnäckig hält: Sie bringt exakt das auf den Punkt, was Barber und Odean mit echten Daten belegt haben. Nur die Pointe mit den toten Anlegern ist erfunden — der Kern der Aussage, dass wenig handeln meist besser abschneidet als viel handeln, ist es nicht.

Warum uns Nichtstun so schwerfällt

Wenn die Datenlage so eindeutig ist, drängt sich die Frage auf, warum trotzdem so viele Menschen ständig an ihrem Depot herumschrauben. Ein Teil der Antwort ist schlicht Overconfidence — der Glaube, den richtigen Zeitpunkt besser einschätzen zu können als der Markt selbst, den auch Barber und Odean als Haupterklärung für das exzessive Handeln ihrer Probanden identifizierten. Ein anderer Teil ist psychologisch fast schon menschlich verständlich: Nichtstun fühlt sich nicht nach einer aktiven Entscheidung an, obwohl es oft die bessere ist. Wer nach einem Kurssturz die Nachrichten checkt und verkauft, hat wenigstens das Gefühl, etwas getan zu haben — auch wenn genau dieses Gefühl der Grund ist, warum die Rendite am Ende schlechter ausfällt.

Was das für die Praxis bedeutet

Die praktische Konsequenz ist unspektakulär, aber wirksam: einen breit gestreuten, kostengünstigen Indexfonds kaufen, einen automatischen Sparplan einrichten und danach möglichst wenig am Depot herumfingern. Kein täglicher Blick, kein Nachjustieren bei jeder Kursbewegung, keine spontanen Umschichtungen wegen einer Wirtschaftsnachricht. Wer das mit gutem Gewissen als Faulheit bezeichnen möchte, liegt nach der aktuellen Forschungslage nicht falsch — nur dass diese Art von Faulheit sich am Ende in echtem Geld auszahlt.

Quellen

  • Barber, B. M. & Odean, T. (2000): "Trading Is Hazardous to Your Wealth: The Common Stock Investment Performance of Individual Investors", Journal of Finance, 55(2), 773–806
  • Barber, B. M. & Odean, T. (2013): "The Behavior of Individual Investors" — Zusammenfassung der Renditeunterschiede zwischen aktiven und passiven Anlegern
  • Buffett, W.: Berkshire Hathaway Aktionärsbrief 1990 — berkshirehathaway.com
  • The Motley Fool (2025): Faktencheck zur kursierenden "Fidelity-Studie" über verstorbene und vergessliche Anleger — fool.com