Kaum eine Entscheidung wird so selten hinterfragt wie das eigene Auto — und kaum eine kostet so viel. Ein durchschnittliches Auto kostet in Deutschland laut ADAC-Autokostenanalyse 2024 rund 87,65 Cent pro gefahrenem Kilometer. Bei 12.000 Kilometern im Jahr sind das über 10.500 Euro — für ein Fahrzeug, das im Schnitt 23 Stunden am Tag nur herumsteht. Das Fahrrad ist eine der wenigen Alternativen, bei denen finanzieller und gesundheitlicher Vorteil in dieselbe Richtung zeigen, nicht gegeneinander.

Die Rechnung, die die wenigsten machen

Der größte Kostenblock beim Auto ist nicht der Sprit, sondern der Wertverlust — er macht laut ADAC-Systematik 40 bis 50 Prozent der Gesamtkosten aus. Ein Fahrrad hat dieses Problem in viel kleinerem Maßstab: Selbst ein hochwertiges E-Bike für 3.000 Euro kostet, auf fünf Jahre Nutzungsdauer verteilt, weniger als 2 Euro pro Fahrt und amortisiert sich bei täglichem Pendeln über 10 Kilometer meist innerhalb eines Jahres. Bei einem typischen Arbeitsweg von 10 Kilometern (20 Kilometer hin und zurück) an 5 Tagen die Woche lässt sich gegenüber dem Auto eine jährliche Ersparnis von 1.500 bis 3.000 Euro erzielen — abhängig davon, wie viel vom Auto dadurch tatsächlich eingespart wird.

Wer diese Differenz nicht ausgibt, sondern anlegt, sieht schnell, wie viel dabei über Jahrzehnte zusammenkommt: 3.000 Euro jährlich über 30 Jahre bei einer angenommenen Rendite von 7 Prozent ergeben rund 280.000 Euro. Das ist kein Grund, das Auto komplett abzuschaffen — aber ein Grund, die Kosten wirklich in Zahlen zu sehen, bevor man sie als selbstverständlich hinnimmt.

Der Teil, der in keiner Kostentabelle steht

Was die reine Kostenrechnung nicht zeigt: Radfahren zahlt sich auch gesundheitlich aus, und zwar deutlich messbar. Eine 2020 im Fachjournal The Lancet Planetary Health veröffentlichte Studie von Patterson und Kolleg:innen (Imperial College London und University of Cambridge) hat über 300.000 Berufspendler:innen in England und Wales bis zu 25 Jahre lang verfolgt. Das Ergebnis: Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, hatte gegenüber Autofahrer:innen ein 20 Prozent geringeres Sterberisiko insgesamt, ein 24 Prozent geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein 16 Prozent geringeres Risiko, an Krebs zu sterben.

Auch kurzfristiger zeigt sich ein Effekt: Eine Untersuchung des finnischen Instituts für Arbeitsmedizin fand, dass Berufstätige mit mindestens 61 aktiv zurückgelegten Kilometern pro Woche (zu Fuß oder mit dem Rad) seltener krankheitsbedingt fehlten als Menschen, die passiv pendelten.

Warum das für Frugalismus mehr ist als ein netter Nebeneffekt

Die meisten Frugalismus-Entscheidungen verlangen einen Kompromiss: mehr sparen heißt meistens weniger Komfort. Beim Fahrrad ist das anders. Wer öfter aufs Rad statt ins Auto steigt, spart nicht nur Geld — die investierte Zeit kommt in Form von Gesundheit und Lebenserwartung zurück, statt einfach nur zu verstreichen. Das ist ein seltener Fall, in dem Sparsamkeit nicht gegen Lebensqualität antritt, sondern sie messbar erhöht.

Das deckt sich mit einem Gedanken, der schon im Artikel zur Nachhaltigkeit eine Rolle gespielt hat: Die bewusste Entscheidung, die auf den ersten Blick nach Verzicht aussieht, ist bei genauerem Hinsehen oft die, die am meisten zurückgibt.

Was das für die Praxis bedeutet

Niemand muss das Auto komplett abschaffen, um von diesem Effekt zu profitieren. Schon ein Teilumstieg — zwei, drei Tage die Woche mit dem Rad statt dem Auto zur Arbeit — summiert sich über ein Jahr zu einem dreistelligen bis vierstelligen Betrag, ganz ohne dass man auf das Auto für längere Strecken oder schlechtes Wetter verzichten müsste. Wer unsicher ist, ob sich die Anschaffung eines guten Rads oder E-Bikes lohnt, kann einfach die eigene Jahresfahrleistung mit den ADAC-Kilometerkosten multiplizieren — die Differenz zu den Fahrradkosten ist meist größer, als man vorher schätzt.

Quellen

  • ADAC: Autokostenanalyse 2024 — Kosten pro Kilometer und Kostenstruktur (Wertverlust, Kraftstoff, Wartung, Versicherung)
  • Patterson, R., Panter, J., Vamos, E. P., Cummins, S., Millett, C. & Laverty, A. A. (2020): "Associations between commute mode and cardiovascular disease, cancer, and all-cause mortality, and cancer incidence, using linked Census data over 25 years in England and Wales: a cohort study", The Lancet Planetary Health, 4(5), e186–e194 — thelancet.com
  • Finnish Institute of Occupational Health: Untersuchung zu aktivem Pendeln und krankheitsbedingten Fehlzeiten — zitiert nach fitbook.de