Es gibt Fragen, auf die wir erstaunlich früh eine Antwort finden sollen. Was möchtest du später einmal werden? Welchen Beruf möchtest du ausüben? Wie viel möchtest du verdienen? In welcher Stadt möchtest du leben? Auf viele dieser Fragen haben wir zumindest eine ungefähre Antwort — und selbst wenn nicht, hilft uns eine ganze Gesellschaft dabei, eine zu finden. Wir können uns an anderen orientieren, Karrieren vergleichen, Gehälter recherchieren, uns anschauen, wie ein vermeintlich erfolgreiches Leben bei anderen aussieht.

Eine Frage wird dabei erstaunlich selten gestellt: Was möchtest du eigentlich mit deinem Leben machen? Nicht mit deiner Karriere. Nicht mit deinem Geld. Nicht mit deinem nächsten Urlaub. Sondern mit den vielleicht 80 Jahren, die dir zur Verfügung stehen. Ich finde diese Frage deshalb so interessant, weil sie eigentlich jeder finanziellen Entscheidung vorausgehen müsste — wenn wir nicht wissen, wofür wir unsere Zeit und unser Geld eigentlich einsetzen wollen, wird es schwierig zu entscheiden, wie viel wir davon brauchen.

Wir planen unser Leben oft rückwärts

Wenn man sich anschaut, wie viele Menschen ihr Leben planen, entsteht ein etwas merkwürdiges Bild. Man sucht sich einen Beruf, verdient damit Geld, erhöht irgendwann sein Einkommen, kauft eine größere Wohnung, fährt ein besseres Auto und gewöhnt sich an einen Lebensstandard, der mit dem Einkommen mitwächst. Gleichzeitig wird weiter gearbeitet, weil die größere Wohnung bezahlt werden muss und der nächste Urlaub schließlich auch nicht von selbst kommt.

Das kann vollkommen vernünftig sein. Ein gutes Einkommen, eine schöne Wohnung und ein angenehmes Leben sind nichts, wofür man sich rechtfertigen müsste. Problematisch wird es erst, wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, wofür wir das alles eigentlich tun. Dann kann es passieren, dass wir unser Einkommen immer weiter erhöhen, ohne dass sich unser Gefühl von Freiheit im gleichen Maße vergrößert. Wir verdienen mehr, geben mehr aus und arbeiten trotzdem genauso viel wie vorher. Aus dem ursprünglichen Wunsch nach einem besseren Leben ist dann etwas anderes geworden: Wir arbeiten immer mehr, um einen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, den wir uns irgendwann selbst geschaffen haben.

Mehr Geld bedeutet nicht automatisch mehr Freiheit

Geld kann unglaublich viel ermöglichen — Sicherheit, Zugang zu Dingen, die das Leben angenehmer machen, vor allem aber Handlungsspielräume, die man ohne finanzielle Rücklagen nicht hätte. Wer genug Geld hat, kann einen schlechten Arbeitgeber verlassen, eine Auszeit nehmen oder weniger arbeiten, ohne unmittelbar Angst vor der nächsten Miete haben zu müssen.

Aber Geld kann auch das Gegenteil bewirken. Wenn mit einem höheren Einkommen gleichzeitig die Ansprüche steigen und immer mehr Dinge als selbstverständlich empfunden werden, führt ein höheres Einkommen manchmal dazu, dass man noch stärker auf genau dieses Einkommen angewiesen ist. Die Gehaltserhöhung, auf die man sich so lange gefreut hat, wird nach ein paar Monaten zum neuen Normalzustand. Man hat mehr — aber man ist nicht unbedingt freier.

Was kostet dein Leben eigentlich?

Eine der interessantesten Fragen im Zusammenhang mit Geld ist für mich deshalb nicht "Kann ich mir das leisten?" — das ist eine wichtige Frage, aber nicht die einzige. Interessanter finde ich: "Was kostet mich diese Entscheidung, und was bekomme ich dafür zurück?"

Nehmen wir ein Auto, das inklusive Finanzierung, Versicherung, Wartung und laufenden Kosten 700 Euro im Monat kostet. Wer netto 20 Euro pro Arbeitsstunde verdient, zahlt dafür 35 Arbeitsstunden — fast eine komplette Arbeitswoche. Das Auto kostet dann nicht nur 700 Euro. Es kostet eine Arbeitswoche im Monat. Das heißt nicht, dass ein Auto eine schlechte Entscheidung ist — vielleicht wird es beruflich gebraucht, vielleicht wohnt man auf dem Land, vielleicht ist einem das Autofahren einfach die Arbeitszeit wert. Genau darum geht es: Die Frage ist nicht, ob man sich etwas leisten darf, sondern ob einem das, wofür man zahlt, die dafür nötige Lebenszeit wert ist.

Geld ist gespeicherte Lebenszeit

Wir sprechen bei Geld meistens über Zahlen auf einem Konto oder Preise auf einem Schild und vergessen dabei leicht, woher dieses Geld eigentlich kommt. Für die meisten Menschen ist Geld das Ergebnis ihrer Arbeit — und Arbeit kostet Zeit. Wer 100 Euro ausgibt, gibt also nicht nur 100 Euro aus, sondern einen Teil der Zeit, die nötig war, um sie zu verdienen.

Das klingt zunächst banal, verändert aber die Perspektive auf Konsum. Ein Gegenstand für 1.000 Euro ist dann nicht mehr einfach ein Gegenstand für 1.000 Euro, sondern entspricht vielleicht mehreren Tagen oder Wochen Arbeitszeit. Und plötzlich wird eine andere Frage interessant: Würde ich für diesen Gegenstand auch mehrere Tage meines Lebens hergeben? Manche Dinge bestehen diese Frage problemlos. Andere nicht — und genau diese Unterscheidung halte ich für wesentlich interessanter als die Frage, wie man möglichst wenig Geld ausgibt.

Frugalismus bedeutet nicht, möglichst wenig zu besitzen

Vielleicht klingt Frugalismus für dich bisher nach Verzicht und dem Versuch, mit möglichst wenig Geld auszukommen. Das ist zumindest nicht das, was ich darunter verstehe. Ich möchte nicht möglichst wenig ausgeben — ich möchte möglichst bewusst entscheiden, wofür ich mein Geld ausgebe. Wenn dir ein schönes Zuhause wichtig ist, dann sollst du Geld für dein Zuhause ausgeben. Wenn Reisen zu den schönsten Dingen im Leben gehört, spricht nichts dagegen, einen großen Teil deines Geldes dafür einzusetzen. Frugalismus bedeutet für mich nicht, den eigenen Konsum möglichst weit zu reduzieren, sondern den Unterschied zwischen "Ich kann es mir leisten" und "Ich möchte mein Geld tatsächlich dafür ausgeben" wieder wahrzunehmen.

Wenn wir Ausgaben aus dieser Perspektive betrachten, müssen wir nicht mehr versuchen, bei allem möglichst billig davonzukommen. Stattdessen können wir zwischen den Dingen unterscheiden, die unser Leben tatsächlich verbessern, und den Dingen, die wir hauptsächlich kaufen, weil wir uns an einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt haben. Das kann bedeuten, dass jemand mit hohem Einkommen sehr frugal lebt, obwohl er viel Geld für einzelne Dinge ausgibt — und dass jemand mit geringerem Einkommen wenig finanzielle Freiheit besitzt, obwohl er kaum Luxus konsumiert. Frugalismus ist deshalb weniger eine Frage der Einkommenshöhe als eine Frage des Verhältnisses zwischen Geld, Zeit und Lebensqualität.

Die Vorteile, die erst nach und nach sichtbar werden

Wer anfängt, bewusster mit Geld umzugehen, merkt oft schnell: Der Effekt reicht weit über das gesparte Geld hinaus. Wer öfter selbst repariert, kocht, näht oder kleinere Handwerksarbeiten übernimmt, statt reflexhaft dafür zu bezahlen, sammelt nebenbei Fähigkeiten, die sich niemand einfach so aneignet, wenn er sie immer outsourct — und bleibt dabei meist auch körperlich aktiver und beweglicher als jemand, der sich jede Anstrengung abnehmen lässt. Selbermachen ist deshalb nicht nur ein Kostenfaktor, sondern ein ziemlich effektives, nebenbei laufendes Lernprogramm fürs ganze Leben.

Auch beim Thema Nachhaltigkeit ergibt sich fast automatisch eine sinnvolle Haltung: Wer weniger konsumiert und Dinge eher repariert als wegwirft, handelt fast beiläufig ressourcenschonender — nicht, weil er unbedingt die Welt retten möchte, sondern weil bewusster Konsum in beide Richtungen wirkt. Geld und Ressourcen schonen fallen hier praktisch zusammen, nicht auseinander.

Und die vielleicht größte Nebenwirkung: Frugalismus schafft Freiheit nicht nur beim Geld, sondern in so gut wie jedem Lebensbereich. Wer weniger von Status, Konsum und äußeren Erwartungen abhängig ist, trifft am Ende auch bei Beruf, Wohnort und persönlichen Beziehungen freiere, unabhängigere Entscheidungen — einfach, weil weniger Dinge im Weg stehen.

Was willst du mit der gewonnenen Freiheit anfangen?

Es wäre zu kurz gedacht, Frugalismus nur als Werkzeug zu betrachten, um möglichst schnell finanziell unabhängig zu werden. Angenommen, es gelingt tatsächlich, die Ausgaben zu reduzieren, Vermögen aufzubauen und irgendwann nicht mehr auf das monatliche Gehalt angewiesen zu sein — was dann? Vielleicht mehr Zeit mit der Familie. Vielleicht reisen, ein Unternehmen gründen, ein Instrument lernen. Vielleicht auch einfach weiterarbeiten, weil einem die Arbeit gefällt — nur eben, weil man sich dafür entschieden hat, nicht weil man es finanziell muss.

Darauf gibt es keine richtige Antwort. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Finanzielle Freiheit ist kein Lebensinhalt. Sie ist ein Werkzeug, mit dem sich der eigene Lebensinhalt freier gestalten lässt.

Zeit ist die eigentliche knappe Ressource

Wir beschäftigen uns intensiv damit, unser Geld zu vermehren — wir vergleichen Zinsen, Renditen und Gebühren. Das ist sinnvoll. Aber es gibt eine Ressource, die sich nicht vermehren lässt: die eigene Zeit. Man kann nächstes Jahr mehr verdienen als dieses Jahr, das eigene Vermögen verdoppeln, eine erfolgreiche Investition machen — aber keine zusätzliche Stunde kaufen, die man gestern nicht genutzt hat. Jeder Mensch verfügt über dieselbe begrenzte Zeit pro Tag, unabhängig vom Kontostand. Deshalb ist es merkwürdig, wie selten finanzielle Entscheidungen unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Wir fragen uns ständig, ob etwas 50 oder 100 Euro kostet. Viel seltener, wie viel unseres Lebens wir dafür eintauschen.

Deshalb beginnt Frugalismus für mich mit einer anderen Frage

Nicht: "Wie kann ich möglichst viel sparen?" Sondern: "Was will ich eigentlich mit meinem Leben machen?" Wer darauf eine Antwort findet, dem werden viele finanzielle Entscheidungen plötzlich einfacher — dann lässt sich fragen, wie viel Geld man tatsächlich braucht, um dieses Leben zu ermöglichen, welche Ausgaben etwas zurückgeben und welche nur den Lebensstandard erhöhen.

Vielleicht stellt sich dabei heraus, dass man viel weniger braucht, als man bisher dachte. Vielleicht auch, dass bestimmte Dinge jeden Euro wert sind. Beides ist vollkommen in Ordnung — denn Frugalismus soll nicht bedeuten, dass alle Menschen dasselbe Leben führen. Es geht darum, herauszufinden, welches Leben man selbst führen möchte, und das eigene Geld so einzusetzen, dass es einen diesem Leben näherbringt. Denn am Ende geht es beim Geld nicht wirklich um Geld. Es geht um die Möglichkeiten, die es gibt — und um die Zeit, die man dafür eintauscht.