"Ich müsste eigentlich mehr sparen" ist einer der meistgedachten Sätze beim Thema Geld — und einer der am seltensten befolgten. Das liegt selten an fehlendem Wissen. Die meisten Menschen wissen genau, dass regelmäßiges Sparen sich langfristig auszahlt. Das Problem liegt woanders: in der Art, wie unser Gehirn Entscheidungen zwischen jetzt und später trifft, und in kleinen strukturellen Fehlern, die sich beheben lassen, ohne dass man sich selbst mehr Disziplin verordnen muss.

Warum "morgen" immer leichter fällt als "heute"

Verhaltensökonomen nennen das Phänomen Present Bias oder hyperbolische Diskontierung: Menschen bewerten eine Belohnung in der Gegenwart überproportional stärker als eine gleich große oder sogar größere Belohnung in der Zukunft — und dieser Effekt ist am stärksten, wenn es um den Vergleich "jetzt" versus "später" geht, wird aber deutlich schwächer, sobald beide Optionen in der Zukunft liegen. Praktisch zeigt sich das so: Fast jeder würde sich entscheiden, in einem Jahr mehr zu sparen als in zwei Jahren — aber kaum jemand entscheidet sich, heute mehr zu sparen als morgen. Die Zukunft plant sich leicht, die Gegenwart verteidigt sich selbst.

Ein Experiment, das das Problem umgangen hat

Die Verhaltensökonomen Richard Thaler und Shlomo Benartzi haben genau dieses Problem 2004 mit einem Programm namens "Save More Tomorrow" adressiert. Die Idee: Statt Angestellte zu bitten, ihre Sparrate sofort zu erhöhen, wurden sie gefragt, ob sie zustimmen, einen Teil jeder zukünftigen Gehaltserhöhung automatisch in die Altersvorsorge fließen zu lassen — ab dem Moment, in dem die Erhöhung tatsächlich eintrifft. 78 Prozent der Angestellten stimmten diesem zukünftigen Sparplan zu, während nur 28 Prozent bereit waren, ihre Sparrate sofort zu erhöhen. Bei den Teilnehmern des Programms stieg die durchschnittliche Sparquote über 40 Monate von 3,5 auf 13,6 Prozent — fast eine Vervierfachung, ohne dass sich am verfügbaren Nettoeinkommen zu irgendeinem Zeitpunkt etwas änderte.

Der Trick dahinter: Die Entscheidung wurde einmalig in der Gegenwart getroffen, aber erst in der Zukunft wirksam — genau umgekehrt zu dem, was beim spontanen "ich spare jetzt mehr" schiefgeht. Zusätzlich blieb das Nettoeinkommen zu keinem Zeitpunkt niedriger als vorher, was Verlustaversion — die Tendenz, eine Reduktion des gewohnten Einkommens als schmerzhafter zu empfinden als eine gleich große Verbesserung als angenehm — komplett umging.

Was daraus für den eigenen Alltag folgt

Die praktische Übersetzung ist einfach: Sparentscheidungen, die man jetzt in der Zukunft ausführen lässt, halten deutlich zuverlässiger als Entscheidungen, die man sich für "ab sofort" vornimmt. Ein Dauerauftrag, der direkt nach Gehaltseingang einen festen Betrag auf ein separates Konto überweist, funktioniert aus demselben Grund besser als der Vorsatz, "am Monatsende das Übrige zurückzulegen" — am Monatsende ist meistens nichts mehr übrig, weil die Gegenwart sich in jedem einzelnen Kaufmoment gegen die Zukunft durchsetzt. Die Automatisierung verlagert die Entscheidung an einen Punkt, an dem present Bias keine Chance hat, sie zu unterlaufen.

Dasselbe Prinzip funktioniert bei Gehaltserhöhungen: Wer sich vornimmt, einen festen Anteil jeder zukünftigen Erhöhung automatisch in die Sparquote fließen zu lassen, statt den Lebensstil im gleichen Tempo mitwachsen zu lassen, nutzt genau den Mechanismus, der bei Thaler und Benartzi funktioniert hat.

Warum das keine Frage von Willenskraft ist

Der eigentliche Punkt dieser Forschung ist unbequem, aber befreiend zugleich: Wer beim Sparen scheitert, hat in den seltensten Fällen zu wenig Disziplin — sondern ein System, das jede einzelne Entscheidung im Moment der größten Versuchung trifft. Die Lösung liegt nicht darin, sich mehr zusammenzureißen, sondern darin, die Entscheidung so zu verschieben, dass sie gar nicht mehr im Moment der Versuchung getroffen werden muss.

Quellen

  • Thaler, R. H. & Benartzi, S. (2004): "Save More Tomorrow™: Using Behavioral Economics to Increase Employee Saving", Journal of Political Economy, 112(S1) — Originalarbeit (PDF, UCLA Anderson)
  • Benartzi, S.: Übersicht zum Save-More-Tomorrow-Programm und seiner Verbreitung in US-Rentenplänen — shlomobenartzi.com
  • Laibson, D. (1997): "Golden Eggs and Hyperbolic Discounting", Quarterly Journal of Economics — Grundlagenarbeit zur hyperbolischen Diskontierung und Present Bias