Ein Upgrade ins Business-Class-Sitzabteil, ein Abend im teuren Hotel, das neue Auto mit Ledersitzen — im Moment fühlt sich das großartig an. Das eigentliche Problem zeigt sich erst danach: Die Economy-Class fühlt sich beim nächsten Flug enger an als vorher, das alte Auto plötzlich schäbiger. Nicht weil sich etwas an ihnen verändert hätte, sondern weil sich der eigene Maßstab verschoben hat. Genau dieser Mechanismus ist es, der Luxus so tückisch macht — nicht der Konsum selbst, sondern die Gewöhnung daran.

Der Maßstab, der sich mitverschiebt

In der Psychologie heißt dieses Phänomen hedonistische Anpassung, manchmal auch "hedonistisches Laufband": Menschen kehren nach positiven wie negativen Ereignissen erstaunlich schnell zu einem stabilen Grundniveau an Zufriedenheit zurück — nur dass sich mit jedem Gewinn auch der Anspruch mitverschiebt, an dem man diese Zufriedenheit misst. Der Begriff geht auf die Psychologen Philip Brickman und Donald Campbell zurück, die ihn 1971 einführten.

Die bekannteste Untersuchung dazu stammt von Brickman, Coates und Janoff-Bulman aus dem Jahr 1978. Sie befragten 22 Lottogewinner aus Illinois, die zwischen 50.000 und einer Million Dollar gewonnen hatten, sowie eine Vergleichsgruppe aus der gleichen Nachbarschaft ohne Gewinn. Das Ergebnis: Die Lottogewinner waren in ihrer aktuellen Zufriedenheit kaum glücklicher als die Vergleichsgruppe (4,00 zu 3,82 auf einer Skala bis 5) — und sie empfanden bei ganz gewöhnlichen Alltagsmomenten wie dem Lesen einer Zeitschrift sogar spürbar weniger Freude als die Nicht-Gewinner (3,33 zu 3,82). Das Geld hatte den Maßstab für "normal" so weit nach oben verschoben, dass die kleinen Freuden des Alltags im Vergleich dazu blass wirkten.

Was das mit Kaufentscheidungen macht

Überträgt man das auf den eigenen Konsum, entsteht ein unbequemes Bild: Jede dauerhafte Erhöhung des Lebensstandards verschiebt nicht nur das Ausgabenniveau, sondern auch den Punkt, ab dem sich etwas wieder "normal" statt besonders anfühlt. Der erste Restaurantbesuch der gehobeneren Preisklasse ist ein Erlebnis. Beim zehnten ist es Routine — und die eigentlich völlig ausreichende Mittagspause davor wirkt im Vergleich karg. Nicht, weil sie schlechter geworden wäre, sondern weil der eigene Referenzpunkt gewandert ist.

Das erklärt auch, warum höheres Einkommen die eigene Zufriedenheit oft weit weniger anhebt, als man erwartet. Eine vielzitierte Untersuchung von Daniel Kahneman und Angus Deaton aus dem Jahr 2010 fand, dass das emotionale Wohlbefinden mit steigendem Einkommen bis zu einem bestimmten Punkt zunimmt, sich der Effekt darüber hinaus aber deutlich abschwächt — während die eigene, bewusste Lebensbewertung ("Wie zufrieden bin ich insgesamt mit meinem Leben") auch bei höherem Einkommen tendenziell weiter steigt. Beides zusammen genommen heißt: Mehr Geld hilft, aber die spontane, alltägliche Freude daran ist begrenzter und flüchtiger, als das Gefühl beim ersten großen Kauf vermuten lässt.

Nicht alles nutzt sich gleich schnell ab

Eine wichtige Einschränkung: Spätere Forschung, unter anderem von Richard Lucas und Kollegen mit langfristigen Paneldaten, zeigt, dass sich Menschen nicht an alles gleich schnell gewöhnen. Einschneidende Ereignisse wie Arbeitslosigkeit oder eine Behinderung hinterlassen teils dauerhafte Spuren in der Lebenszufriedenheit, die sich nicht einfach zurücksetzen. Die hedonistische Anpassung ist also kein Naturgesetz ohne Ausnahmen — aber für die meisten Konsumentscheidungen, insbesondere für Statuskäufe wie ein größeres Auto oder eine teurere Wohngegend, greift sie erstaunlich zuverlässig.

Was das für den Umgang mit Geld bedeutet

Die praktische Konsequenz ist nicht, auf jede Annehmlichkeit zu verzichten. Es spricht nichts dagegen, sich gelegentlich etwas zu gönnen — im Gegenteil, ein seltener Luxus bleibt gerade deshalb ein echtes Erlebnis, weil er die Ausnahme bleibt und nicht zum neuen Standard wird. Die eigentliche Frage lohnt sich vor jeder dauerhaften Erhöhung des Lebensstandards: Löst dieser Kauf ein bestimmtes Bedürfnis, oder verschiebt er nur den Punkt, an dem ich mich wieder unzufrieden fühle? Wer diesen Unterschied im Blick behält, gibt sein Geld nicht weniger gerne aus — aber bewusster, und mit einem realistischeren Bild davon, wie viel Zufriedenheit davon tatsächlich zu erwarten ist.

Quellen

  • Brickman, P. & Campbell, D. T. (1971): "Hedonic Relativism and Planning the Good Society" — Einführung des Konzepts der hedonistischen Anpassung
  • Brickman, P., Coates, D. & Janoff-Bulman, R. (1978): "Lottery Winners and Accident Victims: Is Happiness Relative?", Journal of Personality and Social Psychology, 36(8), 917–927 — Zusammenfassung bei Psychology Today
  • Kahneman, D. & Deaton, A. (2010): "High income improves evaluation of life but not emotional well-being", PNAS — zur Beziehung zwischen Einkommen und Wohlbefinden
  • Lucas, R. E. et al. (2003, 2004): Längsschnittstudien zu dauerhaften Abweichungen vom Zufriedenheits-Grundniveau nach einschneidenden Lebensereignissen