Kaum eine Zahl wird in der FIRE-Szene so oft zitiert wie die 4-Prozent-Regel: Wer 4 Prozent seines Portfolios im ersten Ruhestandsjahr entnimmt und den Betrag danach nur noch mit der Inflation anpasst, soll sein Geld über 30 Jahre nicht aufbrauchen. Auch der Rechner auf dieser Seite nutzt diese Faustregel als Ausgangspunkt für das Zielvermögen. Die Regel klingt einfach und ist gerade deshalb so populär — sie ist aber auch häufiger missverstanden, als ihr lieb sein dürfte.

Woher die Zahl kommt

Die Regel geht auf eine Arbeit des Finanzberaters William Bengen zurück, die 1994 im Journal of Financial Planning erschien. Bengen testete für ein Portfolio aus 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen, welche Entnahmerate über alle 30-Jahres-Zeiträume seit 1926 in den USA nie zu einem vorzeitigen Aufbrauchen des Vermögens geführt hätte. Das Ergebnis lag bei rund 4,1 Prozent, gerundet auf 4 Prozent. 1998 bestätigten die drei Trinity-University-Professoren Cooley, Hubbard und Walz die Größenordnung mit einer eigenen, ähnlich aufgebauten Untersuchung — seither ist auch der Name "Trinity Study" gebräuchlich.

Das Problem: Die Regel beruht fast nur auf US-Daten

Sowohl Bengens Original als auch die Trinity Study rechnen ausschließlich mit historischen US-Renditen. Der Ökonom Wade Pfau hat 2010 genau das zum Thema gemacht und dieselbe Methodik auf 17, in einer späteren Aktualisierung auf 20 entwickelte Industrieländer angewendet. Das Ergebnis fällt für Sparer außerhalb der USA deutlich nüchterner aus: Für Deutschland lag die historisch sichere Entnahmerate laut Pfau unter 3 Prozent, in Italien wäre die 4-Prozent-Regel in weit über der Hälfte aller betrachteten Zeiträume gescheitert, und in Japan hätte ein Ruhestandsbeginn 1937 das Vermögen im Extremfall schon nach etwa drei Jahren aufgebraucht. Nur eine Handvoll Länder — darunter die USA, Kanada, Schweden und Dänemark — erreichten in Pfaus aktualisierten Daten überhaupt die vollen 4 Prozent. Der zentrale Punkt: Die US-Renditen des 20. Jahrhunderts waren im internationalen Vergleich außergewöhnlich gut, nicht der Normalfall.

Ein zweites Problem: die Reihenfolge der Renditen

Selbst innerhalb der USA ist die durchschnittliche Rendite nicht das, was über Erfolg oder Scheitern entscheidet — sondern die Reihenfolge. Ein Börsencrash in den ersten Jahren des Ruhestands trifft ein Portfolio deutlich härter als derselbe Crash zehn Jahre später, weil zu dem Zeitpunkt bereits laufend Geld entnommen wird und sich das Vermögen von den Verlusten kaum noch erholen kann. Dieses sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko ist einer der Hauptgründe, warum Fachleute von einer festen Prozentzahl inzwischen eher abraten und stattdessen flexible Entnahmestrategien empfehlen, bei denen die Ausgaben in schlechten Marktjahren angepasst werden.

Selbst unter Experten ist die Zahl umstritten

Interessant ist auch, dass sich selbst die renommiertesten Stimmen nicht einig sind — und das in beide Richtungen. Bengen selbst hält die klassischen 4 Prozent inzwischen für zu vorsichtig: In seinem 2021 erschienenen Buch aktualisierte er seine eigene Zahl auf 4,7 Prozent als "Universal Safemax", teils sogar mit historischem Spielraum bis über 7 Prozent. Morningstar kommt mit einem anderen methodischen Ansatz — vorausschauenden Rendite- und Zinserwartungen statt historischer Rückrechnung — im Gegenteil regelmäßig auf niedrigere Werte: In den jährlichen Aktualisierungen seit 2021 schwankte die von Morningstar als sicher eingestufte Startentnahmerate meist zwischen 3,3 und 4,0 Prozent, häufig knapp unter der klassischen Marke. Die 4-Prozent-Regel ist also weniger ein Naturgesetz als ein Startwert, über den sich selbst die Fachleute uneinig sind.

Was das für die Praxis bedeutet

Nichts davon macht die 4-Prozent-Regel wertlos — als grobe erste Orientierung, um ein Zielvermögen zu überschlagen, taugt sie nach wie vor gut, und genau dafür ist sie auch im Rechner auf dieser Seite hinterlegt. Nur sollte sie eben als Startwert verstanden werden, nicht als Garantie: mit einem Sicherheitsabschlag rechnen, gerade wenn die eigene Anlage nicht eins zu eins dem US-Aktienmarkt entspricht, den Ruhestand mit Spielraum statt exakt auf Kante planen, und bereit sein, in schlechten Marktjahren die Ausgaben etwas zurückzufahren, statt stur an der einmal berechneten Zahl festzuhalten.

Warum du wahrscheinlich trotzdem keine 4 Prozent brauchst

Ein weiterer Punkt wird in der Diskussion um die 4-Prozent-Regel oft übersehen: Die Rechnung unterstellt, dass ab dem Ruhestand kein einziger Euro mehr dazuverdient wird — in der Praxis trifft das auf die wenigsten zu. Wer finanziell unabhängig wird, hört selten komplett auf zu arbeiten, sondern verändert eher, wie gearbeitet wird. Irgendwann macht man dann doch die eigene Leidenschaft zu Geld, ein Projekt, eine Beratung, ein kleines Business im eigenen Tempo — nicht mehr aus Notwendigkeit, aber trotzdem mit Einnahmen. Das nimmt viel Druck von der exakten Prozentzahl: Selbst ein kleiner zusätzlicher Verdienst wirkt wie ein Puffer, der die Wahrscheinlichkeit, dass das Vermögen jemals aufgebraucht wird, zusätzlich senkt — zusätzlich zu allen Sicherheitsabschlägen, die oben schon genannt wurden.

Quellen

  • Bengen, William P. (1994): "Determining Withdrawal Rates Using Historical Data", Journal of Financial Planning — Übersicht bei Wikipedia: William Bengen
  • Cooley, Hubbard & Walz (1998): "Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable" (Trinity Study) — Originalarbeit (PDF, AAII)
  • Pfau, Wade D. (2010): "An International Perspective on Safe Withdrawal Rates from Retirement Savings: The Demise of the 4 Percent Rule?", Journal of Financial Planning — SSRN
  • Pfau, Wade D. (2016): Aktualisierung der internationalen Daten — Forbes: Does The 4% Rule Work Around The World?
  • Morningstar (2025): "How Retirees Can Determine a Safe Withdrawal Rate in 2025" — morningstar.com
  • CNBC (2025): Bengens aktualisierte Einschätzung zur 4-Prozent-Regel — cnbc.com