Zwischen "noch 20 Jahre Vollzeit arbeiten" und "komplett aufhören" liegen zwei Mittelwege, die in der deutschsprachigen FIRE-Diskussion selten vorkommen: Coast FIRE und Barista FIRE. Beide reduzieren den Druck, ohne dass man auf das volle FIRE-Ziel verzichten muss — nur an unterschiedlichen Stellen der Rechnung.
Coast FIRE: wenn der Zinseszins den Rest übernimmt
Coast FIRE ist der Punkt, an dem bereits so viel Vermögen angespart ist, dass es bis zum regulären Renteneintrittsalter allein durch Zinseszins auf das volle Zielvermögen anwächst — ganz ohne weitere Einzahlungen. Ab diesem Punkt muss nur noch so viel verdient werden, wie die laufenden Ausgaben decken; das bereits angesparte Vermögen "coastet" von selbst zum Ziel.
Die Formel dahinter: Coast-FIRE-Vermögen = Zielvermögen ÷ (1 + erwartete Rendite)Jahre bis zur Rente. Ein Rechenbeispiel: Wer mit 60.000 Euro Jahresausgaben im Ruhestand rechnet, kommt über die 25er-Faustregel auf ein Zielvermögen von 1,5 Millionen Euro. Bei 30 Jahren bis zur Rente und einer angenommenen realen Rendite von 5 Prozent liegt das Coast-FIRE-Vermögen bei rund 347.000 Euro — deutlich weniger als das volle Ziel, weil der Zinseszins in den verbleibenden 30 Jahren den Rest der Arbeit übernimmt.
Der entscheidende Hebel ist Zeit: Je jünger man den Coast-FIRE-Punkt erreicht, desto kleiner die nötige Summe, weil mehr Jahre zum Wachsen bleiben. Eine Verschiebung des Zielalters um nur fünf Jahre kann das nötige Vermögen bereits um mehrere Zehntausend Euro verändern.
Barista FIRE: wenn ein Teilzeitjob die Lücke schließt
Barista FIRE funktioniert anders: Hier deckt ein Teilzeitjob dauerhaft einen Teil der laufenden Ausgaben, während das restliche Vermögen den Rest über Entnahmen trägt. Der Name stammt aus den USA und bezieht sich auf Starbucks: Das Unternehmen bietet Teilzeitkräften ab rund 20 Wochenstunden Zugang zur betrieblichen Krankenversicherung — für viele auf dem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit einer der größten Programmpunkte, da eine bezahlbare Krankenversicherung nach dem Ausstieg aus der Vollzeitstelle in den USA sonst schwer zu bekommen ist.
Auch hier gilt die 25er-Faustregel, nur auf eine kleinere Lücke angewendet: Zielvermögen = (jährliche Ausgaben minus Teilzeiteinkommen) × 25. Wer 40.000 Euro im Jahr ausgibt und über einen Teilzeitjob 16.000 Euro davon selbst verdient, muss nur noch ein Vermögen ansparen, das die verbleibenden 24.000 Euro trägt — bei 4 Prozent Entnahmerate also 600.000 statt 1.000.000 Euro.
Der Unterschied, der oft übersehen wird
Bei Coast FIRE wird weiterhin gearbeitet, oft sogar in Vollzeit — nur die zusätzlichen Einzahlungen ins Vermögen fallen weg, weil der Zinseszins allein zum Ziel reicht. Bei Barista FIRE wird bereits Vermögen entnommen, während parallel ein reduzierter Job die Lücke schließt. Coast FIRE ist also eher ein Meilenstein auf dem Weg dorthin — "ich muss nicht mehr sparen, nur noch meine Ausgaben decken" — während Barista FIRE bereits eine Form des Teilausstiegs ist. Beide lassen sich auch kombinieren: Wer Coast FIRE erreicht hat, kann anschließend in einen Barista-FIRE-Zustand wechseln, sobald er bereit ist, auch einen Teil der laufenden Ausgaben aus dem Vermögen zu entnehmen.
Warum das Krankenversicherungs-Argument hier kaum zieht
Genau an diesem Punkt unterscheidet sich die Situation in Deutschland und Österreich grundlegend von den USA. Die gesetzliche Krankenversicherung ist hierzulande nicht an einen bestimmten Stundenumfang bei einem bestimmten Arbeitgeber gekoppelt — sie richtet sich nach Einkommen und Versicherungsstatus, nicht danach, ob ein Café gerade eine Teilzeit-Benefits-Politik hat. Das zentrale US-Argument für Barista FIRE — die Jagd nach einem krankenversicherten Teilzeitjob — fällt im deutschsprachigen Raum also weitgehend weg.
Was bleibt, ist trotzdem relevant, nur aus einem anderen Grund: der psychologische und finanzielle Nutzen eines reduzierten Arbeitspensums während des Übergangs. Weniger Vermögen nötig, ein sanfterer Ausstieg statt eines abrupten Bruchs, und ein Puffer gegen genau das Risiko, das im Artikel zur 4-Prozent-Regel schon eine Rolle gespielt hat: die Sequence-of-Returns-Problematik. Ein zusätzliches, wenn auch kleines Einkommen reduziert in schlechten Marktjahren den nötigen Entnahmebetrag — und damit genau das Risiko, das die reine 4-Prozent-Regel am empfindlichsten trifft.
Für wen sich welcher Weg eignet
Coast FIRE passt gut zu Menschen, die früh im Berufsleben stehen und bereits diszipliniert gespart haben, aber den Vollzeitjob grundsätzlich noch eine Weile behalten wollen — nur mit dem Wissen im Rücken, dass kein zusätzliches Sparen mehr nötig ist. Barista FIRE passt eher zu Menschen, die den Vollzeitjob nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Belastung verlassen wollen, aber nicht komplett aufhören müssen oder wollen zu arbeiten. Für alle, die Erwerbsarbeit grundsätzlich schätzen, aber nicht mehr im bisherigen Umfang, ist Barista FIRE oft der realistischere Weg als die Version, komplett von Kapitalerträgen zu leben.
Was das für die Praxis bedeutet
Wer mit dem Rechner auf dieser Seite ein Zielvermögen berechnet, tut das aktuell auf Basis vollständiger Ausgabendeckung durch Kapitalerträge — dem klassischen FIRE-Szenario. Für ein Coast-FIRE-Ziel lässt sich die Zinseszins-Formel oben separat anwenden, um zu sehen, wie viel schon reicht, um "durchzucoasten". Für ein Barista-FIRE-Ziel reicht es, ein erwartetes Teilzeiteinkommen von der jährlichen Ausgabensumme abzuziehen, bevor man sie im Rechner einträgt — die Krankenversicherung braucht dabei, anders als in den USA, keinen eigenen Platz in der Rechnung.
Quellen
- Wikipedia: "FIRE movement" — Definition und Einordnung von Coast FIRE und Barista FIRE gegenüber Lean- und Fat-FIRE — en.wikipedia.org
- ProjectionLab: "What is Coast FIRE?" — Formel und Rechenbeispiel zum Zinseszins-Effekt — projectionlab.com
- ProjectionLab: "What is Barista FIRE?" — Formel und Einordnung zur Vermögenslücke — projectionlab.com
- Moneycrashers: "What Is Barista FIRE? Financial Independence With Part-Time Work" — moneycrashers.com
- Hintergrund zur Starbucks-Teilzeit-Krankenversicherung als Namensursprung von Barista FIRE — mehrfach unabhängig bestätigt in der englischsprachigen FIRE-Community-Berichterstattung