Finanzielle Unabhängigkeit hat nur drei Stellschrauben: wie viel du sparst, wie du das Ersparte anlegst, und wie lange du beides durchhältst. Das klingt banal, wird aber in den meisten Ratgebern hinter Anlagetipps und Produktempfehlungen versteckt. Hier die drei Hebel einzeln, mit Zahlen statt Parolen.

Hebel eins: die Sparquote

Die Zeit bis zur finanziellen Unabhängigkeit hängt fast ausschließlich von der Sparquote ab — also dem Anteil des Einkommens, der zurückgelegt wird, nicht von dessen absoluter Höhe. Der Zusammenhang lässt sich sogar direkt ausrechnen: Bei einer Sparquote von 10 Prozent braucht es rechnerisch 9 Arbeitsjahre, um ein Jahr an Lebenshaltungskosten anzusparen. Bei 25 Prozent sind es noch 3 Jahre, bei 50 Prozent nur noch 1 Jahr, bei 75 Prozent etwa 4 Monate. Diese Rechnung erklärt, warum sich Sparquote und nicht Gehalt als der entscheidende Hebel herausstellt: Wer sein Einkommen verdoppelt, aber auch die Ausgaben verdoppelt, bleibt bei derselben Sparquote — und damit bei derselben Zeitspanne bis zur Unabhängigkeit.

Hebel zwei: wie das Ersparte angelegt wird

Der zweite Hebel wird oft überschätzt in seiner Komplexität und unterschätzt in seiner Wirkung: die Wahl zwischen aktiv gemanagten Fonds und passiven Indexfonds. Die jährlich erscheinenden SPIVA-Berichte von S&P Dow Jones Indices vergleichen seit über zwei Jahrzehnten aktiv verwaltete Fonds mit ihren jeweiligen Vergleichsindizes. Das Ergebnis ist über die Jahre bemerkenswert konstant: Über einen Zeitraum von 20 Jahren haben 94,1 Prozent aller US-Aktienfonds ihren Vergleichsindex nicht geschlagen. Über 15 Jahre gab es in keiner der untersuchten Kategorien eine Mehrheit an aktiven Fonds, die besser abschnitt als der Index. Die Gebühren aktiv gemanagter Fonds — oft ein bis zwei Prozent pro Jahr — summieren sich über Jahrzehnte zu einem erheblichen Renditeunterschied, ganz unabhängig davon, ob der Fondsmanager gut oder schlecht arbeitet.

Praktisch heißt das: Ein breit gestreuter, kostengünstiger Indexfonds ist für die meisten Sparer nicht die zweitbeste, sondern die statistisch wahrscheinlichere bessere Wahl gegenüber einem aktiv verwalteten Fonds — nicht als Meinung, sondern als über zwei Jahrzehnte reproduziertes Messergebnis.

Hebel drei: Zeit und Zinseszins

Der dritte Hebel ist der am wenigsten beeinflussbare, aber am stärksten wirkende: Zeit. Durch Zinseszins wächst ein angelegtes Vermögen nicht linear, sondern beschleunigt sich selbst — ein Euro, der zehn statt fünf Jahre investiert bleibt, wächst nicht doppelt, sondern deutlich mehr als doppelt so stark. Das erklärt, warum ein früherer Beginn oft mehr bewirkt als eine später höhere Sparquote: Wer mit 25 statt mit 35 anfängt, hat zehn zusätzliche Jahre Zinseszinseffekt, die sich kaum durch eine später höhere Sparrate aufholen lassen.

Die drei Hebel zusammen

Keiner der drei Hebel wirkt isoliert am stärksten — ihre Kombination macht den Unterschied. Eine höhere Sparquote verkürzt die Zeitspanne direkt und mathematisch nachvollziehbar. Eine kostengünstige, breit gestreute Anlage sorgt dafür, dass das Ersparte nicht durch vermeidbare Gebühren an Rendite verliert. Und ein früher Start nutzt den Zinseszinseffekt maximal aus. Mit dem Rechner lässt sich das für die eigene Situation konkret durchrechnen — inklusive dem Zusammenspiel aus aktuellem Vermögen, Sparrate und erwarteter Rendite.

Quellen

  • Wikipedia: "FIRE movement" — Herleitung des Zusammenhangs zwischen Sparquote und Zeit bis zur finanziellen Unabhängigkeit — en.wikipedia.org
  • S&P Dow Jones Indices: SPIVA U.S. Scorecard — jährlicher Vergleich aktiv gemanagter Fonds gegen Vergleichsindizes — Zusammenfassung der aktuellen Ergebnisse
  • Kommer, G.: "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs" — ausführlich zur Kostenfrage bei aktiven vs. passiven Fonds, siehe Buchtipps
  • Bengen, W. P. (1994) und die 4-Prozent-Regel — zum Zielvermögen als 25-Faches der Jahresausgaben, siehe eigener Artikel dazu